Umverteilung ist kein Sonderfall. Sie ist der Auftrag.
«Tax the Rich» klingt nach radikaler Forderung. Ist es nicht. Es ist die Grundfunktion, die ein Sozialstaat immer schon hätte erfüllen sollen — keine Grenze für Erfolg, aber eine durchgehende Progression, die verhindert, dass er sich auf Kosten der Gemeinschaft anhäuft, die ihn erst ermöglicht hat.
← Zurück zum ManifestUmverteilung ist Pflicht. Ihre Ausgestaltung ist die eigentliche Debatte.
Die politische Debatte behandelt Vermögensumverteilung meist als linke Position unter mehreren gleichberechtigten Meinungen. Das verkennt, wozu ein Sozialstaat überhaupt da ist: Saubere Strassen, die Brücke, die jemand gebaut hat, der ÖV, den unzählige aufrechterhalten — Erfolg ohne diese Gemeinschaft ist nicht möglich. Ein Sozialstaat, der Vermögen nicht von denen mit Wohlstand zu denen ohne verschiebt, erfüllt seine eigene Definition nicht.
Nicht: Umverteilung als Ideologie.
Sondern: Umverteilung als Funktionsbedingung des Sozialstaats — ihre Ausgestaltung ist die eigentliche politische Frage.
Was tatsächlich strittig sein darf — und muss —, ist die Ausgestaltung: welche Progressionskurve, auf welcher Bemessungsgrundlage, mit welcher Durchsetzung. Das ist eine legitime, technische Debatte. Der Umstand, dass umverteilt wird, ist keine.
Ein eigenes Fundament, zwei geliehene Werkzeuge.
Diese Position beruft sich nicht auf Philosophen oder Ökonomen als Autoritäten. Sie nutzt ihre Gedanken als Werkzeuge für eine eigenständige Haltung, deren Kern die Willensnation ist — nicht importierte Theorie.
Die Willensnation
Wer Teil dieser Gemeinschaft ist, trägt auch bei — nicht als Almosen an den Staat, sondern als Ausdruck von Mitgliedschaft. Begründet, warum alle beitragen, auch die Ärmsten, ohne Freibetrag.
Rawls' Differenzprinzip
Ungleichheit ist nur gerecht, wenn sie die am wenigsten Begünstigten besserstellt. Trägt die Progressionslogik an der Spitze der Kurve — nicht die Beitragspflicht an der Basis.
Saez / Zucman / Piketty
Belegen empirisch: Hohe Spitzenprogression war nach 1945 normal, nicht radikal. Heute gleicht das Gesamtsteuersystem einer Flat Tax — das ist die Abweichung, nicht die Rückkehr dazu.
«When accounting for all taxes at all levels of government, the US had a very strongly progressive tax system in the decades after World War II. Today, the US tax system resembles a giant flat tax.»
— Emmanuel Saez / Gabriel Zucman, Progressive Wealth Taxation (2019)
Kein Deckel auf Erfolg. Aber kein Cliff-Edge, sondern eine Kurve.
Keine feste Grenze, ab der die Progression «einsetzt» — sondern eine durchgehende Progressionskurve, die bei den Superreichen ansetzt und sich bis zu den Ärmsten des Landes zieht. Wer heute zur Mitte gehört, zahlt real deutlich weniger, nicht weil er unterhalb einer Freigrenze liegt, sondern weil die Kurve dort flach ist und erst weit oben steil wird.
Einkommensbeziehende / Arbeitende
Von der Kassiererin bis zur gut verdienenden Fachperson: untereinander gleich behandelt, Progression tief, Unterschiede sekundär.
Superreiche
Kein fixer Schwellenwert, sondern der Bereich, in dem Vermögen sich strukturell selbst vermehrt, ohne dass zusätzliche eigene Arbeit dahintersteht — hier beginnt die Kurve steil zu werden.
Bemessungsgrundlage und Lastverschiebung
Erfasst werden nicht nur Löhne, sondern zusätzlich Vermögenserträge, Kapitalgewinne, Aktienportfolios und Börsenaktivitäten — alles, womit Geld verdient wurde. Keine neuen Steuerpflichtigen: Wer in der Schweiz wohnt und Einkommen bezieht, ist bereits heute steuerpflichtig. Neu erfasst wird eine bisher grösstenteils steuerfreie Einkommensart — private Kapitalgewinne sind bundesrechtlich von der Einkommenssteuer ausgenommen, genau der Kanal, über den sich Vermögen bei Superreichen am stärksten vermehrt. Das Modell ist als weitgehend aufkommensneutrale Lastverschiebung gedacht: Die neuen Einnahmen senken die bestehende Einkommenssteuerlast von unten bis zum hohen Mittelstand. Gesundheit, Wohnen und Bildung werden davon nicht mitfinanziert — Steuerpolitik ist ein eigenständiger, paralleler Strang, kein vierter Finanzierungskreis.
Kein rechtlicher Einkommensdeckel — niemandem wird gesetzlich vorgeschrieben, wie viel er verdienen darf. Aber: Ab einer demokratisch festgelegten Vermögenshöhe (im Bereich mehrerer Milliarden) nähert sich die Progression einem Grenzsteuersatz nahe 100 % — wirtschaftlich von einem Deckel nicht zu unterscheiden, auch wenn es rechtlich keiner ist. Dieselbe Logik wie bei Piketty: Sehr hohe Spitzensteuersätze sollen das Wachstum extremer Vermögen begrenzen, nicht nur Einnahmen erzielen.
Ein demokratisch bestimmter Parameter, zwei Kurven
Das Volk bestimmt nur einen Parameter: die oberste Schwelle, ab der die Kurve gegen das Nullsummenspiel geht. Alle darunterliegenden Stufen werden automatisch abgeleitet — bei konstanter Gesamtlast. Einzige feste Regel: Die Untergrenze ist immer grösser als 0 %, nie ein rechnerischer Freibetrag.
Realisierte Gewinne
Das Hauptinstrument der Umverteilung: Progression auf Kapitalerträge und realisierte Gewinne, von nahe null bis Richtung Nullsummenspiel an der demokratisch bestimmten Spitze. Historisches Vorbild: USA 1950–1963, Spitzensteuersatz 91 % auf Einkommen.
Vermögensbestand
Ergänzend, nie konfiskatorisch — verhindert eine Egalisierung von Vermögen innert Dekaden, die explizit nicht das Ziel ist. Piketty-Referenz: max. 5–10 % auch bei Milliardenvermögen.
Bundesanteil: gedeckelte Anrechnung statt Bundeseingriff
Das Volk bestimmt einen Bundesmindestsatz. Was Kanton und Gemeinde bereits erheben, wird darauf angerechnet — aber nur bis zu einer ebenfalls demokratisch bestimmten Obergrenze. So bleibt immer ein kleiner, direkter Bundesanteil bestehen: keine Bundes-Blockade der Kantonsautonomie, sondern eine gemeinsame Grundpflicht. Vorbild mit vollständiger statt gedeckelter Anrechnung: Spaniens Solidaritätssteuer (ITSGF, seit 2022, seit 2025 permanent) — sie verhindert, dass Vermögende in Regionen ohne eigene Vermögenssteuer abwandern.
Eine Progression, die man umgehen kann, ist keine Progression.
Der schwächste Punkt jeder Vermögens- und Kapitalertragssteuer ist nicht die Höhe des Satzes, sondern die Durchsetzbarkeit. Drei Umgehungsmuster sind zentral zu verhindern:
Vermögen oder Erträge in Strukturen oder Jurisdiktionen verschieben, die sie der Steuerbehörde entziehen.
Der Lombardkredit: Ein Aktienportfolio dient als Pfand, die Schuld mindert das steuerbare Vermögen, während Eigentum und Wertsteigerung beim Kreditnehmer bleiben.
Beteiligungen an nicht-börsenkotierten Strukturen lassen sich leichter der Erfassung entziehen als Börsenvermögen.
Vollständige Offenlegungspflicht statt Verbot: Jedes Vermögen — inklusive Unternehmensbeteiligungen — muss offengelegt und bewertet werden. Wer sein Kapital im eigenen Unternehmen hält statt es zu verkaufen, wird steuerlich neutral behandelt, solange die Erfassung zuverlässig funktioniert — mit dem Vorteil, dass das Kapital investiert bleibt und den Standort stärkt.
Schweizer Ausgestaltung: Banken bereiten die Vermögensübersicht vollständig auf, melden aber nicht automatisch an die Steuerbehörde — Bankgeheimnis-kompatibel. Durchsetzung über risikobasierte Stichprobenkontrolle statt permanenter Meldung. Pauschalbesteuerung wird abgeschafft. Steuerwettbewerb zwischen Kantonen und Gemeinden bleibt erlaubt — vereinheitlicht wird die Erfassung, nicht der Satz.
Wo dieses Modell angreifbar ist.
Norwegen verlor 2022–23 82 Vermögende
Die Willensnation-Antwort: Wer den Kanton wechselt, bleibt Teil der Solidargemeinschaft. Nur wer ins Ausland abwandert, verlässt den Geltungsbereich — kein Totschlagargument, aber ein reales Risiko.
Norwegens/Spaniens Cliff-Edge scheiterte
Durch die durchgehende Kurve statt fixer Schwelle weitgehend aufgelöst: Auch hier zahlt die breite Basis etwas — nur deutlich weniger als heute.
Vermögenssteuer ist rein kantonal
Die Juso-Erbschaftssteuer-Initiative scheiterte 2026 an dieser Hürde (78 % Nein). Diese Position akzeptiert das explizit und fordert eine Erweiterung der Bundeskompetenz — der gedeckelte Anrechnungsmechanismus (siehe oben) ist die Antwort.
Diese Einwände zu verschweigen, wäre der Idee näher als der Evidenz. Sie verändern nicht die normative These, aber sie zeigen: Dieses Modell ist ein Ausgangspunkt für die Ausgestaltung, kein fertiges Umsetzungsdesign.
Nicht die Juso-Initiative — aber auch nicht der Status quo.
Die Schweiz hat diese Debatte bereits geführt: Die Juso-Initiative forderte eine 50-%-Erbschaftssteuer auf Vermögen über 50 Mio. CHF, die Abstimmung 2026 endete klar ablehnend (78 % Nein). Diese Position unterscheidet sich in zwei Punkten: Sie zielt nicht auf Erbschaften (einmalig), sondern auf laufende Vermögens- und Kapitalertragsbesteuerung. Und sie kennt keine Schwelle, ab der die Progression schlagartig einsetzt, sondern eine durchgehende Kurve.
«Ich bin für eine Schweiz, in welcher jede Bewohnerin ihren Teil beitragen kann und beiträgt. Wer erfolgreich ist, soll dies sein — aber auch seinen Teil zur Schweiz beitragen. Gemeinsam: Unternehmen, Schweizerinnen, Ausländerinnen, das Volk und seine Wirtschaft.»
Was bewusst noch nicht entschieden ist.
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Konkrete Progressionskurve-Eckwerte
Die exakte Schwelle und Steilheit bestimmt das Volk per Abstimmung — bewusst nicht technokratisch vorgegeben.
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Exakte Höhe des Bundesanteils
Mindestsatz und Anrechnungsobergrenze sind Umsetzungsfragen für die politische Ebene, keine Grundsatzfragen.
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Quantitative Modellrechnung
Konkrete Beispielrechnung zur Einkommenssteuer-Entlastung anhand von BFS-/ESTV-Daten — als eigene Vertiefung für transparenz.html geplant.