Zurück zum Manifest Zahlen & Quellen

Transparenz ist kein Anhang.
Sie ist der Anspruch.

Jede Finanzzahl im Manifest ist hier vollständig hergeleitet — mit Quelle, Berechnungsweg, enthaltenen und ausgeschlossenen Posten sowie methodischen Einschränkungen. Was hier nicht steht, darf nicht behauptet werden.

Zahl 1 · Sozialausgaben Schweiz
rund 187 Milliarden Franken
Verwendet im Manifest: «Das Schweizer Sozialversicherungssystem verteilt jährlich rund 187 Milliarden Franken.» — Ausgaben gemäss BSV GRSV 2023.
Zwei unterschiedliche Erhebungen — wichtige Unterscheidung:
Das BSV führt die GRSV (Gesamtrechnung der SozialVERsicherungen) nach schweizerischer Methodik. Das BFS führt die GRSS (Gesamtrechnung der Sozialen Sicherheit) nach EUROSTAT-Methodik, die breiter abgrenzt und höhere Gesamtwerte ausweist. Im Manifest wird die GRSV verwendet — sie erfasst die gesetzlichen Schweizer Sozialversicherungen, auf welche sich das Modell bezieht.

Quelle

Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV): Gesamtrechnung der Sozialversicherungen (GRSV) 2023. Ausgaben: CHF 186,8 Milliarden. Die GRSV erfasst die gesetzlichen Schweizer Sozialversicherungen nach einheitlicher schweizerischer Methodik und ist die massgebliche Quelle für innerschweizerische Finanzierungsargumente.
Enthaltene Sozialversicherungen (GRSV 2023, Ausgaben in Mrd. CHF, Schätzung auf Basis publizierter BSV-Statistiken):
AHV – Alters- und Hinterlassenenversicherung  ·  ca. 48–50
BV – Berufliche Vorsorge (Rentenleistungen, 2. Säule)  ·  ca. 42–45
KV – Obligatorische Krankenversicherung (OKP)  ·  ca. 38–40
IV – Invalidenversicherung  ·  ca. 10
EL – Ergänzungsleistungen zu AHV/IV  ·  ca. 5–6
UV – Unfallversicherung  ·  ca. 5–6
ALV – Arbeitslosenversicherung  ·  ca. 5
EO, FamZ, weitere  ·  ca. 8
Gesamtausgaben GRSV 2023: CHF 186,8 Milliarden (BSV-Publikation). Im Manifest gerundet: «rund 187 Milliarden».
Einschränkung der Einzelpositionen: Die Aufschlüsselung nach Sozialwerk sind Schätzwerte auf Basis der BSV Sozialversicherungsstatistik (SVS). Die präzise Verteilung publiziert das BSV jährlich in der SVS. Die Gesamtsumme CHF 186,8 Mrd. ist der verifizierte GRSV-Wert.

Nicht enthalten: Kantonale Sozialhilfe (nicht Teil der GRSV), freiwillige Unternehmensleistungen, private Zusatzversicherungen, Säule 3a.

Schätzungsbereich — Konservativ vs. Liberal

Konservativ (Worst Case)
CHF 186,8 Mrd.
Nur gesetzliche Sozialversicherungen nach schweizer GRSV-Methodik (BSV 2023). Engste, vergleichsweise robusteste Abgrenzung — empfohlen für innerschweizerische Finanzierungsdiskussionen.
Liberal (Best Case)
CHF ~207 Mrd.
GRSS-Methodik nach EUROSTAT (BFS 2022), inkl. kantonale Sozialhilfe und freiwillige Leistungen. Breitere Abgrenzung — geeignet für internationale Vergleiche, nicht für Reformrechnung.

Im Manifest wird der GRSV-Wert (186,8 Mrd.) verwendet. Die Differenz von ~20 Mrd. entspricht Leistungen, die ausserhalb der direkten Bundesaufsicht liegen.

BSV, Gesamtrechnung der Sozialversicherungen (GRSV) 2023bsv.admin.ch
BSV, Schweizerische Sozialversicherungsstatistik (SVS) 2024 — für Aufschlüsselung nach Sozialwerk.
Zahl 2 · Dreikreis-Finanzierung
30–40 % / 40–50 % / 20–30 %
Verwendet im Manifest: Staat (Kreis 1), Unternehmen (Kreis 2), Gesellschaft/Pensionskassen (Kreis 3).
Wichtiger Hinweis: Diese Prozentbereiche sind normative Zielkorridore — keine empirischen Ist-Werte. Sie beschreiben, wie sich ein zukünftiges Finanzierungsmodell zusammensetzen sollte, nicht wie es heute bereits ist. Die konkreten Prozentwerte müssen in einem politischen Prozess mit aktuellen Daten präzisiert werden.

Ausgangslage Schweiz (Status quo 2022)

Arbeitgeberanteil AHV: 5,3% der AHV-pflichtigen Lohnsumme
Arbeitgeberanteil ALV: 1,1% der Lohnsumme
Unfallversicherung (Berufsunfall, Arbeitgeberanteil): 1–3% (branchenabhängig)
BVG-Beiträge (Arbeitgeber trägt mind. 50% der Gesamtbeiträge)
Total bestehende Arbeitgeberbeiträge: ca. 10–15% der Lohnsumme
Herleitung Kreis 2 (Unternehmen, 40–50%):
Der vorgeschlagene Unternehmensanteil wäre keine Zusatzsteuer, sondern eine Umschichtung bestehender Sozialabgaben mit Gestaltungsrecht. Die 40–50% beziehen sich auf den Anteil am Gesamtvolumen des Modells — nicht auf den Prozentsatz der Lohnsumme.

Herleitung Kreis 1 (Staat, 30–40%):
Basiert auf der Annahme, dass bestehende Bildungs- und Sozialausgaben (ca. CHF 40–50 Mrd. relevanter Anteil) auf wirkungsbasierte Mechanismen umgelenkt werden — ohne Mehrausgaben.

Herleitung Kreis 3 (Gesellschaft, 20–30%):
Richtwert basierend auf dem Volumen, das realistischerweise über Pensionskassen und Social Impact Bonds mobilisierbar wäre — analog zu bestehenden ESG-Allokationen (heute ca. 5–8% der PK-Portfolios).
Schweizer Ausgangslage für die Modellschätzung (Primärdaten CH):
Arbeitgeberbeiträge AHV 2024: 5,3% der Lohnsumme (BSV)
Arbeitgeberbeiträge ALV 2024: 1,1% der Lohnsumme (SECO)
Unfallversicherung Berufsunfall (Arbeitgeber): 1–3% je Branche (SUVA)
BVG-Beiträge Arbeitgeber: mind. 50% der Gesamtbeiträge, Satz je Altersklasse (BSV BVG-Statistik)
Total bestehende gesetzliche Arbeitgeberbeiträge: ca. 10–15% der AHV-pflichtigen Lohnsumme — Schweizer Primärdaten, jährlich publiziert vom BSV.
Internationale Orientierungspunkte (ergänzend, nicht primäre Begründung):
Diese Vergleiche dienen der Plausibilisierung, nicht der Herleitung. Massgeblich sind die Schweizer Ist-Werte oben.

Dänemark (Flexicurity): Unternehmen tragen ~28% der Gesamtsozialkosten (OECD Benefits and Wages 2022)
Singapur (SkillsFuture): Unternehmen finanzieren ~50% der Weiterbildungskosten (SkillsFuture Annual Report 2022/23)
Fazit: Die Schweizer Arbeitgeberbeiträge von ~10–15% der Lohnsumme sind bereits heute substanziell. Das Modell schlägt vor, deren Lenkungswirkung zu erhöhen — nicht den Gesamtbetrag.

Schätzungsbereich — Mobilisierbares Modellvolumen (Konservativ vs. Liberal)

Was wird hier geschätzt? Nicht alle 187 Mrd. der GRSV sind reformierbar — viele Leistungen sind verfassungsmässig garantiert oder vertraglich gebunden. Die folgende Schätzung beziffert, welcher Anteil realistischerweise auf wirkungsbasierte Mechanismen umgestellt werden könnte.
Konservativ — Pilotmodell
CHF 10–20 Mrd.
5–10% der GRSV. Begrenzt auf 2–3 Sektoren (z.B. Prävention, Reintegration). Realisierbar in 5–8 Jahren ohne Verfassungsänderung. Kreis 1: 35%, Kreis 2: 40%, Kreis 3: 25%.
Liberal — Vollimplementierung
CHF 65–75 Mrd.
35–40% der GRSV. Breite Sektoren (Gesundheit, Bildung, Wohnen, Beschäftigung). Langfristige Perspektive (15–20 Jahre), erfordert Gesetzesrevisionen. Kreis 1: 30%, Kreis 2: 50%, Kreis 3: 20%.

Die Prozentwerte der drei Kreise beschreiben den Finanzierungsanteil je Akteur am Modellvolumen — nicht an der Gesamten GRSV.

AHV/ALV-Beitragssätze: BSV, Merkblatt Beiträge an AHV, IV, EO und ALV, Stand 2024 — bsv.admin.ch
BVG-Beitragssätze: BSV, BVG-Statistik 2023
UV-Prämien: SUVA, Prämientarife, Stand 2024 — suva.ch
Internationale Vergleiche (ergänzend): Singapur SkillsFuture, Annual Report 2022/23; OECD, Benefits, Taxes and Wages, 2022.
Zahl 3 · Pensionskassen Schweiz
rund 1,19 Billionen Franken
Verwendet im Manifest: «Pensionskassen verwalten in der Schweiz rund 1,2 Billionen Franken.» — Gerundeter Wert des OAK-BV-Ergebnisses 2023.

Quelle

OAK BV (Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge): Bericht zur finanziellen Lage der Vorsorgeeinrichtungen 2023. Die OAK BV ist die gesetzlich vorgeschriebene Oberaufsichtsbehörde für die berufliche Vorsorge in der Schweiz und publiziert jährlich eine umfassende Erhebung aller registrierten Vorsorgeeinrichtungen.
Exakter Wert (verifiziert):
OAK BV, Stichtag 31.12.2023: Bilanzsumme CHF 1'192 Milliarden (1'355 Vorsorgeeinrichtungen)
OAK BV, Stichtag 31.12.2022 (Vorjahr): CHF 1'137 Milliarden
Im Manifest verwendet: «rund 1,2 Billionen» — korrekte Rundung des verifizierten Werts CHF 1'192 Mrd. (2023).
Anlagestrategie Schweizer PKs (Durchschnitt 2023, OAK BV):
Aktien (CH + international): ~32%
Obligationen: ~28%
Immobilien (direkt + indirekt): ~23%
Alternative Anlagen (inkl. Infrastruktur): ~12%
Liquidität: ~5%
Relevanz fürs Modell: «Zertifizierte Sozialinfrastruktur» würde unter Immobilien (direkt) oder Alternative Anlagen fallen — Bereiche, die bereits ~35% des PK-Portfolios ausmachen.
Nicht enthalten in dieser Zahl: AHV-Ausgleichsfonds (1. Säule, ~CHF 46 Mrd.), Freizügigkeitsguthaben (~CHF 60 Mrd.), Säule 3a (Schätzung ~CHF 130–140 Mrd., BFS). Die Zahl bezieht sich ausschliesslich auf die registrierten Vorsorgeeinrichtungen der 2. Säule (BVG/LPP).

Das OAK-BV-Halbjahresmonitoring (CHF ~875 Mrd. per Mitte 2024) erfasst nur PKs ohne Staatsgarantie und ohne Vollversicherungslösung — eine engere Teilmenge. Diese Zahl ist nicht mit der Jahresendzahl vergleichbar.

Schätzungsbereich — Richtbarer Kapitalanteil für Sozialinfrastruktur

Konservativ — Ohne Gesetzesänderung
CHF 36–60 Mrd. (3–5%)
Nutzung bestehender «Social»-Kategorien in ESG-Rahmenwerken. Kein regulatorischer Eingriff nötig. Entspricht dem aktuellen freiwilligen Impact-Investing-Anteil in CH-PKs. Zeithorizont: sofort umsetzbar.
Liberal — Mit regulatorischer Anpassung
CHF 119–179 Mrd. (10–15%)
Anpassung BVG-Anlagekategorien; «Zertifizierte Sozialinfrastruktur» als eigene Anlageklasse. Erfordert Verordnungsänderung (BVV 2). Zeithorizont: 5–10 Jahre. Analogie: Immobilienquote stieg durch Regulierung von ~8% (1990) auf ~23% (2023).

Zum Vergleich: Die jährliche Rendite der Schweizer PKs beträgt typischerweise 5–7% des verwalteten Vermögens (CHF 60–83 Mrd. p.a.). Bereits die konservative Schätzung entspricht damit weniger als einem Jahresertrag.

OAK BV, Bericht zur finanziellen Lage der Vorsorgeeinrichtungen 2023oak-bv.admin.ch
BFS, Pensionskassenstatistik 2023 (ergänzend) — bfs.admin.ch
Zahl 4 · Social Impact Bonds
über 300 Projekte weltweit
Verwendet im Manifest: «[…] seither wurden weltweit über 300 Projekte umgesetzt.» — Stand November 2024, GO Lab INDIGO-Datenbank.

Quelle

Government Outcomes Lab (GO Lab), University of Oxford: INDIGO Impact Bond Dataset, Stand November 2024. Das GO Lab unterhält die umfassendste öffentlich zugängliche Datenbank zu ergebnisbasierten Finanzierungsinstrumenten weltweit.
Verifizierter Wert (GO Lab INDIGO, November 2024):
Über 300 vertraglich abgeschlossene Impact-Bond-Projekte in über 40 Ländern
Gesamtvolumen: USD ~7–8 Milliarden
Davon aktiv: ~130–150 Projekte
Im Manifest verwendet: «über 300» — korrekte Aussage auf Basis der aktuellsten GO-Lab-Daten (November 2024).
Definition Social Impact Bond (SIB):
Private Investoren finanzieren ein soziales Programm vor. Der öffentliche Auftraggeber zahlt zurück — aber nur bei nachgewiesenem Erreichen vorher definierter Ziele (Outcomes). Das Investitionsrisiko trägt der private Investor vollständig.

Erstes Projekt: Peterborough Prison, UK, 2010
Ziel: Reduktion der Rückfälligkeit von Strafgefangenen um 7,5% ggü. Kontrollgruppe
Ergebnis: 9% Reduktion — Ziel übertroffen
Kapital vollständig zurückgezahlt + Rendite an Investoren
Kritische Einordnung: Social Impact Bonds sind kein Allheilmittel. Bekannte Einschränkungen: (1) Hohe Transaktionskosten durch komplexe Vertragsstrukturen. (2) Risiko der Outcome-Manipulation: Programme werden auf messbare Ziele optimiert, nicht auf gesellschaftlichen Gesamtnutzen. (3) Begrenzte Skalierbarkeit bei komplexen sozialen Problemen. Das Manifest sieht SIBs als Ergänzungsinstrument, nicht als Hauptfinanzierungsweg.
Schweizer Kontext (Stand 2026):
Erste Pilotprojekte wurden von Innosuisse und einzelnen Kantonen (Bern, Zürich) untersucht. Kein flächendeckendes Modell vorhanden. Das Modell im Manifest setzt auf einen schrittweisen Aufbau — beginnend mit 2–3 Piloten in unterschiedlichen Politikbereichen.

Schätzungsbereich — Schweizer Pilotentwicklung bis 2030

Konservativ — Langsamere Adoption
3–5 Piloten bis 2030
1–2 Kantone (z.B. Bern oder Zürich) lancieren eigenständige Piloten. Bund bleibt beobachtend. Finanzierungsvolumen: CHF 20–60 Mio. Fokus: Reintegration Langzeitarbeitslose, Prävention. Voraussetzung: Politischer Wille auf Kantonsebene.
Liberal — Schnellere Adoption
10–15 Piloten bis 2030
3–4 Kantone + Bundesprogramm (z.B. via SECO oder BAG) + mögliche EU-Kofinanzierung (Sozialfonds). Volumen: CHF 150–300 Mio. Breite Sektoren: Gesundheitsprävention, Jugend, Wohnintegration. Voraussetzung: Änderung Subventionsgesetz, SIB als anerkannte Finanzierungsform.

Vergleich: UK lancierte 2010–2015 über 40 SIBs in 5 Jahren — nach zentraler Koordination durch das Cabinet Office Social Investment Task Force. Eine ähnliche Koordinationsstruktur ist in der Schweiz nicht vorhanden, was eine langsamere Kurve wahrscheinlich macht.

GO Lab, University of Oxford: INDIGO Impact Bond Dataset, November 2024 — golab.bsg.ox.ac.uk
Peterborough SIB: Ministry of Justice UK, Payment by Results Pilots: Interim Report, 2014.
OECD: Understanding Social Impact Bonds, OECD Working Paper, 2016.

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