Manifest · Vertiefung

Beitrag neu definieren, nicht Bedeutung verlieren.

Die Willensnation erlebt zum ersten Mal, dass der Mensch nicht mehr die intelligenteste Instanz im Raum ist. Beitrag zur Gemeinschaft bleibt die Grundlage von Zugehörigkeit — aber er darf nicht länger nur über bezahlte Erwerbsarbeit definiert werden.

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Beitragsarbeit  ·  Bürgerfonds  ·  Sektorale Allianzen

Kein Abwehrkampf um alte Arbeitsplätze.

Nicht: Der Versuch, den alten Zusammenhang „menschliche Leistung = wirtschaftlicher Wert" gegen die Automatisierung zu verteidigen.
Sondern: Beitrag zur Willensnation bleibt die Grundlage von Zugehörigkeit — aber Beitrag darf nicht länger nur über bezahlte Erwerbsarbeit definiert werden. Wo die Maschine die Leistung übernimmt, muss die Gesellschaft neu festlegen, was als Beitrag zählt und wie er finanziert wird.

Direkt aus der Willensnation folgt hier nur ein Punkt: dass Beitrag die Grundlage der Zugehörigkeit bleibt, unabhängig von seiner Form. Das begründet Beitragsarbeit weiter unten — nicht die übrigen drei Bausteine, die je eigene, unabhängige Begründungen haben.

Unternehmensbeitrag statt Lohnsteuer-Zentrierung.

Wenn Wertschöpfung zunehmend durch Automatisierung statt durch menschliche Arbeitsstunden entsteht, kann die Finanzierung des Gemeinwesens nicht länger primär an Lohnsteuern hängen. Unternehmen, die durch Automatisierung Produktivität ohne wachsende Lohnsumme erzielen, tragen über eine angepasste Bemessungsgrundlage in Kreis 2 einen grösseren Anteil bei — analog zur international diskutierten Robotersteuer-Linie (Xavier Oberson, Genf, „Taxing Robots", 2019). Das entlastet zugleich, was Arbeit gegenüber der Maschine künstlich verteuert: Wer Menschen beschäftigt statt automatisiert, zahlt relativ weniger.

Keine neue, vierte Steuer — eine Verschiebung innerhalb der bestehenden Unternehmensbeteiligung. Selbst Bill Gates hat eine solche Abgabe vorgeschlagen, lange bevor sie zur gewerkschaftlichen Forderung wurde.

Grundeinkommen ermöglicht Leben, Beitragsarbeit ermöglicht Ausbau.

Existenz

Bedingungsloses Grundeinkommen

Sichert die Existenz, unabhängig davon, ob Erwerbsarbeit verfügbar ist. Kein originär linkes Projekt: Milton Friedman begründete mit der negativen Einkommenssteuer denselben Gedanken liberal.

Ausbau

Beitragsarbeit

Wer sich aktiv für die Gemeinschaft einsetzt — Pflege, Bildung, Nachbarschaft, Umwelt —, wird darüber hinaus vom Staat unterstützt. Kein Ehrenamt mehr, sondern eine eigene, finanzierte Beitragsform: dieselbe Beitrag-als-Zugehörigkeit-Logik wie in der Steuerpolitik, nur auf eine neue Form angewendet.

Wer darin vor allem das Schweizer Milizprinzip wiedererkennt — Pflege der Angehörigen, Vereinsarbeit, Feuerwehr, politisches Ehrenamt endlich so honoriert, wie es die Gesellschaft trägt — liegt damit ebenso richtig wie jene, die darin eine neue, flexible Form der Selbstverwirklichung sehen. BGE deckt die Existenz, Beitragsarbeit ist daran gekoppelt, aber kein Ersatz dafür.

Ein Bürgerfonds als dritte Säule.

Nach dem Vorbild souveräner Staatsfonds hält der Staat einen Kapitalanteil an der automatisierten Wertschöpfung und schüttet daraus eine Dividende an die Bevölkerung aus — zusätzlich zu BGE und Beitragsarbeit, nicht als Ersatz. Das Vorbild ist bewusst gewählt: Der Alaska Permanent Fund wurde nicht von Sozialisten erfunden, sondern 1976 von einem republikanischen Gouverneur eingeführt, aus einer zutiefst marktwirtschaftlichen Überlegung — das Volksvermögen gehört den Bürgerinnen, also fliesst seine Rendite auch an sie zurück. Seit 1982 zahlt er ununterbrochen jedes Jahr eine Dividende aus.

Übertragen auf die Automatisierung: Jede Bürgerin wird zur Mitbesitzerin des technologischen Fortschritts, statt dass seine Rendite nur bei wenigen Konzernen verbleibt. Verwaltet zentral durch den Bund, ähnlich dem AHV-Ausgleichsfonds (compenswiss).

Sektorale Allianzen statt Parteien.

Die klassische Parteienlogik ist zu starr für Fragen, die sich so schnell verändern wie die KI-Transformation. Statt fixer ideologischer Blöcke braucht es sektorbezogene Allianzen aus Unternehmen und Bürgerinnen, die konkrete, branchenspezifische Lösungen erarbeiten — organisiert um Probleme, nicht um Parteiprogramme. Das ist keine neue Erfindung, sondern die Fortsetzung der Schweizer Sozialpartnerschaft: historisch eine Errungenschaft der liberalen Mitte, nicht einer Staatslinken.

Abzugrenzen von reinem Wirtschaftslobbyismus: Bürgerinnen sitzen gleichberechtigt mit Unternehmen am Tisch, nicht nur als Konsultierte.

Beispiele aus der Schweiz.

Wertschöpfungsabgabe

Ein Verteilzentrum automatisiert die Logistik, 300 Stellen fallen weg, der Umsatz wächst weiter. Der Beitrag bleibt trotzdem an den Umsatz gekoppelt, nicht an die schrumpfende Lohnsumme.

Grundeinkommen

Eine Kassiererin wird durch Self-Checkout ersetzt. Grundsicherung statt RAV-Druck gibt Zeit für eine Umschulung Richtung Pflege oder Betreuung.

Beitragsarbeit

Angehörigenpflege wird bezahlt statt unsichtbar zu bleiben — der Kanton spart gegenüber den Kosten eines Heimplatzes.

Bürgerfonds

Eine jährliche Dividende nach Alaska-Vorbild, verwaltet vom Bund wie der AHV-Ausgleichsfonds — kein Almosen, sondern Kapitalertrag der Bürgerinnen.

Sektorale Allianzen

Die Versicherungsbranche verhandelt ihren eigenen Automatisierungs-Fahrplan, statt auf ein einziges, branchenübergreifendes Bundesgesetz zu warten.

Warum jetzt: Die Automatisierung von Wissensarbeit läuft bereits — in Buchhaltung, Recht, Kundendienst, Versicherungs- und Bankgeschäft. Der aktuelle Fachkräftemangel verdeckt das noch. Wer die Architektur jetzt aufbaut, prägt die Regeln mit; wer wartet, übernimmt fremde. Dieselbe Logik wie beim Klima: Nicht-Handeln ist auch eine Entscheidung — nur eine, die andere für einen treffen.

Keine feste Zeitlinie, keine Partei-Erzählung.

Das Manifest legt sich weder auf ein Tempo der Automatisierung noch auf ein Zieljahr fest. Ebenso bewusst vermieden: eine linke Verstaatlichungs-Erzählung (der Staat übernimmt die Automatisierungsgewinne komplett) ebenso wie eine rechte Deregulierungs-Erzählung (der Markt regelt die Verteilung von selbst). Das ist kein taktischer Kompromiss, sondern folgt aus der Herkunft der Bausteine selbst — liberal heisst hier Methode, nicht Umverteilungsgrad.

Vermittlerin auch bei der KI-Regulierung.

Die Schweiz praktiziert bei EU-Recht traditionell den autonomen Nachvollzug — sie orientiert sich freiwillig an Standards wie dem EU AI Act, ohne EU-Mitglied zu sein oder Regeln unbesehen zu übernehmen. Genf ist bereits heute Sitz zentraler multilateraler Organisationen und damit natürlicher Standort für internationale KI-Governance-Dialoge — dieselbe Vermittlerrolle wie in der Klimadiplomatie.