Märkte sind Werkzeuge.
Ein Hammer entscheidet nicht, was gebaut wird — das tut die Gesellschaft. Warum wirtschaftliche Freiheit kein Selbstzweck ist, auf welchen Denktraditionen der Solidarische Liberalismus steht und was Solidarität hier konkret bedeutet.
← Zurück zum ManifestDrei grosse Ideen. Drei unvollständige Antworten.
Das 20. Jahrhundert war geprägt von grossen Ideen. Jede hat etwas Richtiges erkannt. Keine gibt eine vollständige Antwort auf die Fragen des 21. Jahrhunderts.
Der Solidarische Liberalismus ist kein weiteres Lager neben diesen dreien. Er ist der Versuch einer Synthese — aus dem, was jede Tradition richtig gesehen hat.
Sicherheit, national gedacht
Sie schuf den Sozialstaat und brachte Sicherheit und Chancen für Millionen. Doch ihre nationalen Antworten reichen heute oft nicht mehr aus, um die globalen Dynamiken von Kapital und Märkten zu steuern.
Freiheit, ohne ihre Kosten
Er setzte auf Freiheit und Unternehmertum und trug massgeblich zum Wohlstand bei. Doch er unterschätzte die sozialen Kosten und die Ungleichheit, die daraus erwuchs.
Beschleunigung ohne Bindung
Er beschleunigte Globalisierung und Innovation — löste aber die Bindungen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Unternehmen wurden hochmobil, während Bevölkerung und Staat an Ort gebunden blieben.
Diese Errungenschaften hatten ihre Zeit. Sie sind Kinder des 20. Jahrhunderts. Was daraus folgt, ist die eigentliche Asymmetrie unserer Gegenwart: Unternehmen können ihren Standort in Wochen verlagern. Bevölkerung und Staat können das nicht. Wer diese Asymmetrie nicht adressiert, verwaltet sie nur.
Nicht: Markt gegen Staat.
Sondern: Märkte sind Werkzeuge — die Gesellschaft entscheidet, was damit gebaut wird.
Der Solidarische Liberalismus entsteht nicht im Vakuum.
Er ist die Weiterführung von fünf Denktraditionen, die jeweils eine wichtige Wahrheit erkannt haben — aber jede für sich keine vollständige Antwort gibt.
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Ordoliberalismus und Soziale Marktwirtschaft
Die Freiburger Schule — Walter Eucken, Wilhelm Röpke, Franz Böhm — entwickelte in den 1930er und 1940er Jahren das Prinzip: Der Staat setzt den Rahmen, der Markt operiert darin frei. Nicht Planwirtschaft, nicht ungezügelter Markt — sondern eine Ordnung, die Freiheit schützt, indem sie Regeln setzt. Ludwig Erhard verwandelte das 1949 in die Soziale Marktwirtschaft: Wirtschaftliche Leistung und sozialer Ausgleich sind keine Gegensätze, sondern bedingen einander.
Der Solidarische Liberalismus geht einen Schritt weiter: Er delegiert den sozialen Ausgleich nicht allein an den Staat, sondern bezieht Unternehmen als aktive Mitgestalter ein. Röpke selbst hatte früh vor der «Entwurzelung» von Unternehmen aus ihrer gesellschaftlichen Umgebung gewarnt.
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Das Subsidiaritätsprinzip
Was auf der kleinstmöglichen Ebene entschieden werden kann, soll dort entschieden werden — staatliche Eingriffe sind subsidiär, nicht primär. Das Prinzip ist im Schweizer Föderalismus tief verankert. Übertragen auf die Wirtschaft heisst das: Das Unternehmen entscheidet lokal, die Gemeinde profitiert direkt, der Kanton wird indirekt entlastet, der Bund setzt den Rahmen. Nicht Umverteilung von oben — Mitverantwortung von unten.
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Der Rheinische Kapitalismus
Michel Albert beschrieb 1991 den Gegensatz zwischen dem angelsächsischen Shareholder-Modell — Unternehmen als reines Gewinnmaximierungsinstrument — und dem rheinischen Stakeholder-Modell: Unternehmen als gesellschaftliche Institutionen mit Verantwortung gegenüber Mitarbeitenden, Region und Gemeinschaft. Die Schweiz war historisch immer dem Stakeholder-Modell näher. Der Solidarische Liberalismus macht explizit, was hier bisher implizit blieb.
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Karl Polanyi: Märkte sind eingebettet
Polanyi zeigte 1944, dass Märkte keine Naturgesetze sind, sondern gesellschaftliche Institutionen — geschaffen, reguliert und getragen von der Gesellschaft, in der sie stehen. Wo diese Einbettung fehlt, entsteht nicht Freiheit, sondern Extraktion.
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Elinor Ostrom: Weder Staat noch Markt allein
Ostrom zeigte empirisch — wofür sie 2009 den Nobelpreis erhielt — dass Gemeinschaftsgüter weder durch den Staat allein noch durch den Markt allein nachhaltig verwaltet werden. Gemeinschaften, die ihre eigenen Regeln entwickeln und durchsetzen, sind resilienter als beides. Das ist das empirische Fundament des Solidarischen Liberalismus.
«To allow the market mechanism to be sole director of the fate of human beings and their natural environment would result in the demolition of society.»
— Karl Polanyi, The Great Transformation (1944)
Amartya Sen — Freiheit als Befähigung. Freiheit ist nicht die blosse Abwesenheit von Zwang, sondern die Befähigung zu bedeutsamen Entscheidungen. Wer keine Bildung, keine Gesundheit, keine wirtschaftliche Sicherheit hat, ist formal frei, aber praktisch unfrei. Das Modell folgt dieser Logik: Unternehmen haben nicht die Wahl, ob sie beitragen — aber echte Entscheidungsfreiheit darüber, wie und wohin. Aus Steuerpflicht wird gestaltbare Mitverantwortung.
Michael Sandel — die moralischen Grenzen des Marktes. Eine Gesellschaft, die alle Bereiche dem Marktprinzip unterwirft, verliert an gemeinsamer Sprache: Wenn jedes Gut einen Preis hat, verschwindet die Fähigkeit, über Werte zu sprechen. Die Antwort ist nicht Marktablehnung, sondern Marktgestaltung. Transparenz über Investitionen erzeugt moralische Sprache, nicht nur Preislogik.
Drei Kräfte, die nur gemeinsam funktionieren.
Der Solidarische Liberalismus denkt Wirtschaft, Staat und Bevölkerung nicht als Gegenspieler, die sich gegenseitig begrenzen — sondern als drei Kräfte eines Systems, das nur als Ganzes trägt.
Legitimation
Sie legitimiert das Gemeinwesen, zahlt Steuern, bringt Arbeit und Wissen ein. Ohne sie gibt es weder funktionierenden Markt noch handlungsfähigen Staat.
Wertschöpfung
Sie schaffen Wert, Arbeitsplätze und Innovation — und tragen zur gesellschaftlichen Infrastruktur bei, die ihre eigene Grundlage bildet.
Rahmen und Kontrolle
Er setzt den Rahmen, balanciert Ungleichgewichte aus und sichert die demokratische Kontrolle über das Ganze.
Das Wechselspiel
Der Kreislauf entsteht nicht durch Zwang, sondern durch gemeinsame Interessen:
- →Was Unternehmen in die Gesellschaft investieren, entlastet den Staat und stärkt den Standort.
- →Was der Staat absichert, gibt Bevölkerung und Unternehmen Planungssicherheit.
- →Was die Bevölkerung demokratisch legitimiert, gibt Unternehmen Stabilität und Vertrauen.
Was Solidarität hier bedeutet
Solidarität meint nicht Mitleid und nicht Almosen. Sie meint die gegenseitige Anerkennung von Abhängigkeit: Unternehmen erkennen an, dass ihr Erfolg nicht allein ihrer Leistung entstammt — er beruht auf Bildungssystemen, Infrastruktur, Sicherheit und auf der Arbeit der Bevölkerung, die das Fundament dieses Erfolgs gelegt hat.
Die Gesellschaft erhält dafür Teilhabe: nicht als Geschenk, sondern als Anerkennung, dass wirtschaftlicher Erfolg immer ein gemeinsamer Erfolg ist. Keine ideologische Pflicht, kein Zwang — sondern Mitverantwortung. Wer einen Teil des Dreiecks stärkt, stärkt alle.
Unternehmen als Mitbürger auf Zeit — mit klarer Grenze. Unternehmen haben kein Stimmrecht an der Urne; das bleibt den Bürgerinnen und Bürgern vorbehalten. Sie erhalten ein Mitgestaltungsrecht bei der Verwendung ihres eigenen Solidaritätsbeitrags — nicht mehr. Mitgestaltung ist keine Machtübernahme: Das Parlament behält die demokratische Letztentscheidung, das Mitgestaltungsrecht hat keine Bindungswirkung.
Wo das Modell angreifbar ist.
Das Manifest wurde von 22 fachlichen und politischen Perspektiven geprüft — von Verfassungsrecht über Ökonomie und Gewerkschaft bis zur Klimaforschung. Drei konzeptionelle Einwände blieben stehen. Sie hier zu verschweigen, wäre der Ideologie näher als der Evidenz.
Die Sozialpartnerschaft fehlt im Dreieck
Bevölkerung, Unternehmen, Staat — aber wo sind Gewerkschaften, Betriebsräte, Gesamtarbeitsverträge? Die Sozialpartnerschaft hat die Schweiz achtzig Jahre stabilisiert. Antwort: Sie ist heute über die tripartitische Zertifizierung eingebunden — als Prüfinstanz, nicht als vierte Ecke. Ob das genügt, ist offen.
Mitgestaltung ist Einfluss ohne Stimmrecht
Wer über die Verwendung öffentlicher Mittel mitbestimmt, hat politische Macht — auch ohne Urne. Antwort: Deshalb ist das Recht dreifach begrenzt: es gilt nur für den eigenen Beitrag, es hat keine Bindungswirkung, und Kernbereiche der sozialen Sicherheit sind ihm ganz entzogen.
Der Kreislauf ist Ziel, nicht Beweis
Dass sich die drei Kräfte gegenseitig verstärken, ist die Hoffnung des Modells — nicht sein Nachweis. Antwort: Richtig. Deshalb baut das Modell auf wirkungsbasierte Mechanismen: Rückflüsse erfolgen gegen belegte Wirkung, nicht gegen behauptete.
Die technischen Einwände — globale Mindeststeuer, kantonale Steuerhoheit, Sektorverzerrung, KMU-Belastung — betreffen die Finanzierungsarchitektur und sind dort im Detail behandelt: Finanzierung → Einwände.
Nicht sozialistisch. Nicht rein kapitalistisch. Eine Synthese.
Nicht sozialistisch, weil er Markt, Eigenverantwortung und Freiheit respektiert.
Nicht rein kapitalistisch, weil er Unternehmen Pflichten im Gemeinwohl gibt.
Sondern: Solidarität + Freiheit, Verantwortung + Demokratie.
Der Solidarische Liberalismus ist ein Instrument — eines unter mehreren, die eine Gesellschaft braucht. Aber eines, das bisher gefehlt hat: eines, das Wirtschaft, Staat und Bevölkerung in gemeinsamer Verantwortung vereint. Er ist kein Bruch mit dem Schweizer Weg, sondern seine Weiterentwicklung.